Verhältnisse prägen Verhalten
Wir denken oft, unser Verhalten sei eine Frage unserer Persönlichkeit. „Ich bin eben ungeduldig.“ – „Ich kann schlecht Nein sagen.“ – „Ich müsste mich besser durchsetzen.“ – „Die anderen sind einfach schwierig.“
Manchmal stimmt das, oft fehlt aber ein Teil des Bildes:
Die Situation, in der wir uns befinden.
Menschen verhalten sich nicht unabhängig von ihrem Umfeld. Erwartungen, Rollen, Beziehungen, Regeln, Zeitdruck und bisherige Erfahrungen beeinflussen, was wir wahrnehmen und wie wir handeln. Das bedeutet nicht, dass wir für unser Verhalten nicht verantwortlich sind. Es bedeutet: Wenn du etwas verändern möchtest, lohnt sich nicht nur der Blick auf dich. Schau auch auf die Verhältnisse, in denen dein Verhalten entsteht.
Hier sind ein paar kleine Übungen und ein 7-Tage-Experiment, mit denen du dein Verhalten und die Verhältnisse die in denen dein Verhalten entsteht, besser kennenlernen kannst.
Und mach gerne den Test: Wie stark berücksichtigst du Rahmenbedingungen bei der Bewertung von Verhalten?
Erkenne den Kontext
Wahrnehmen
Du ärgerst dich über dich selbst, weil du wieder genauso reagiert hast wie immer. Vielleicht bist du aber gar nicht „immer so“. Vielleicht bist du in dieser Situation so.
Unser Verhalten entsteht in Wechselwirkung mit unserer Umgebung. Eine Person kann in einem Team sehr geduldig sein und in einem anderen schnell gereizt reagieren. Nicht unbedingt, weil sich ihre Persönlichkeit verändert hat.
Die Bedingungen sind andere.
Ausprobieren
Wenn du dich das nächste Mal über dein eigenes Verhalten ärgerst, ergänze deinen Gedanken: „Ich verhalte mich gerade so, weil …“
Beende den Satz nicht mit einer Eigenschaft. Also nicht: „…weil ich ungeduldig bin.“, sondern: „… weil gerade drei Dinge gleichzeitig von mir erwartet werden.“
Weiterdenken
Verändert sich dein Blick auf die Situation? Frage dich:
Was müsste sich an der Situation verändern, damit mir ein anderes Verhalten leichter fällt
Verändere eine Bedingung
Wahrnehmen
Manchmal versuchen wir, unser Verhalten zu verändern, obwohl die Bedingungen unverändert bleiben.
- Wir wollen gelassener werden, obwohl wir weiterhin ständig unterbrochen werden.
- Wir wollen besser delegieren, obwohl niemand weiß, wer wofür verantwortlich ist.
- Wir wollen weniger Stress, verändern aber nichts an unserer Arbeitsweise.
Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Wenn du immer wieder dasselbe Verhalten zeigst, lohnt sich deshalb die Frage:
Welche Bedingung hält dieses Verhalten möglicherweise aufrecht?
Ausprobieren
Suche dir eine wiederkehrende Situation. Und dann verändere darin eine einzige Bedingung.
Zum Beispiel:
- Eine Besprechung wird immer wieder zu lang.
→ Lege vorher fest, wann eine Entscheidung getroffen werden soll. - Du wirst ständig unterbrochen.
→ Vereinbare eine ungestörte Arbeitszeit. - Aufgaben landen immer wieder bei dir.
→ Frage beim nächsten Mal: „Wer sollte diese Aufgabe eigentlich übernehmen?“
Weiterdenken
Was verändert sich, wenn du nicht dich selbst, sondern eine Rahmenbedingung veränderst?
Überlege: Welche kleine Veränderung der Bedingungen könnte mein gewünschtes Verhalten wahrscheinlicher machen?
Stoppe die Personalisierung
Wahrnehmen
Wir erklären Verhalten anderer Menschen häufig mit deren Persönlichkeit und übersehen dabei den Kontext.
- „Die machen das absichtlich.“
- „Der nimmt mich nicht ernst.“
- „Die Kollegin ist einfach schwierig.“
Solche Gedanken entstehen schnell.
Vielleicht ist die Kollegin tatsächlich schwierig. Vielleicht steht sie aber auch unter einem erheblichen Zielkonflikt. Beides kann gleichzeitig möglich sein.
Ausprobieren
Wenn du dich das nächste Mal über jemanden ärgerst, suche bewusst drei mögliche Erklärungen für dessen Verhalten.
Eine davon darf persönlich sein. Die anderen beiden sollen mit der Situation zu tun haben.
Zum Beispiel: „Er hört mir nicht zu.“
Mögliche Erklärungen:
- Er interessiert sich nicht für mein Thema.
- Er hat gerade andere Prioritäten.
- Er hat meine Aussage anders verstanden als ich sie gemeint habe.
Weiterdenken
Was passiert mit deinem Ärger, wenn deine Erklärung nicht mehr die einzige mögliche Erklärung ist?
Frage dich:
- Welche Erklärung würde mein Gegenüber vermutlich für sein Verhalten geben?
Wechsle die Perspektive
Wahrnehmen
Du kennst deine Sicht auf eine Situation sehr genau.
- Du weißt, was du gesagt hast.
- Du kennst deine Absicht.
- Du kennst deine Gründe.
Andere Menschen erleben dieselbe Situation möglicherweise völlig anders. Nicht unbedingt, weil jemand falsch liegt. Menschen nehmen unterschiedliche Aspekte einer Situation wahr und handeln auf Grundlage dieser Wahrnehmung.
Ausprobieren
Nimm eine aktuelle Situation, die dich beschäftigt. Beschreibe sie einmal aus deiner eigenen Perspektive.
Dann versetze dich gedanklich in die Perspektive einer anderen beteiligten Person und frage dich:
- „Was könnte diese Person gerade wahrnehmen?“
Und anschließend:
- „Was könnte sie brauchen, um anders zu handeln?“
Weiterdenken
Entsteht dadurch eine neue Handlungsoption?
Versuche beim nächsten Gespräch nicht zuerst, deine Sicht zu erklären, sondern frage zuerst:
„Wie sieht die Situation für dein Gegenüber gerade aus?“
Teste statt zu urteilen
Wahrnehmen
Wir bilden schnell Vermutungen:
- „Das funktioniert sowieso nicht.“
- „Die werden sich nicht ändern.“
- „Das Team kann mit Verantwortung nicht umgehen.“
Solche Einschätzungen können richtig sein, sie können aber auch zu einer selbsterfüllenden Erwartung werden.
Unsere Annahmen beeinflussen, wie wir handeln. Und unser Handeln beeinflusst wiederum die Situation. Deshalb lohnt es sich, manche Einschätzungen nicht als Wahrheit, sondern als Hypothese zu behandeln.
Ausprobieren
Formuliere eine aktuelle Annahme um.
- Aus: „Das Team übernimmt keine Verantwortung.“
- Wird: „Ich vermute, dass das Team momentan wenig Verantwortung übernimmt.“
Dann überlege:
- Welches kleine Experiment könnte meine Vermutung überprüfen?
Weiterdenken
Was passiert tatsächlich?
Ersetze eine feste Überzeugung durch eine überprüfbare Frage.
- Nicht: „Warum funktioniert das nicht?“
- Sondern: „Was müsste passieren, damit es funktionieren könnte?“
Beobachte Wirkung statt Absicht
Wahrnehmen
Unsere Absicht erklärt unser Verhalten.
- „Ich wollte doch nur helfen.“
- „Ich wollte niemanden unter Druck setzen.“
- „Ich meinte das gar nicht so.“
Sie bestimmt aber nicht automatisch dessen Wirkung.
Zwischen Absicht und Wirkung kann ein Unterschied liegen. Das gilt besonders in Beziehungen und Führung.
Ausprobieren
Frage nach einem Gespräch:
- „Was ist bei dir von dem angekommen, was ich sagen wollte?“
Oder noch einfacher:
- „Wie hast du das gerade verstanden?“
Warte mit deiner Erklärung, bis du die Antwort gehört hast.
Weiterdenken
Wo unterscheiden sich deine Absicht und die tatsächliche Wirkung?
Wenn eine Wirkung nicht zu deiner Absicht passt, frage nicht zuerst: „Wer hat das falsch verstanden?“, sondern: „Was kann ich beim nächsten Mal anders machen?“
Verändere nicht alles
Wahrnehmen
Wenn etwas nicht funktioniert, entsteht schnell der Wunsch nach einer großen Veränderung.
- Neuer Prozess
- Neue Regeln
- Neues Verhalten
- Neue Struktur
Große Veränderungen erzeugen häufig neue Dynamiken. Manchmal reicht eine kleine Veränderung an der richtigen Stelle.
Ausprobieren
Wähle eine Situation, die du gerne verändern möchtest.
Frage dich: „Was wäre die kleinstmögliche Veränderung, die einen Unterschied machen könnte?“
Und dann: Mach genau diese eine Veränderung.
Weiterdenken
Was verändert sich? Was bleibt gleich? Was überrascht dich?
Wenn die Veränderung Wirkung zeigt, verstärke sie. Wenn nicht, verändere deine Hypothese. Du musst nicht sofort die perfekte Lösung finden.
Du kannst ausprobieren, beobachten und daraus lernen.
Dein 7-Tage-Experiment
Beobachte in den nächsten sieben Tagen eine Situation, in der du immer wieder ähnlich reagierst.
Schreibe einmal täglich drei kurze Sätze auf:
- Situation: Was ist passiert?
- Verhältnisse: Welche Bedingungen haben mein Verhalten beeinflusst?
- Möglichkeit: Welche kleine Bedingung könnte ich verändern?
Am Ende der Woche frage dich:
- „Was habe ich über mein Verhalten gelernt, als ich nicht nur mich, sondern auch die Verhältnisse betrachtet habe?“
Vielleicht liegt die Veränderung nicht darin, dass du dich stärker zusammenreißt, vielleicht liegt sie darin, dass du beginnst, die Bedingungen zu verändern, unter denen dein Verhalten entsteht.

Lass uns ins Gespräch kommen
Ob Organisationen, Teams, Führungskräfte, Kolleginnen und Kollegen. Alle bringen ihre eigene Geschichte mit. Vielleicht hast du beim Lesen an die eine oder andere Situation aus deinem eigenen Arbeitsalltag gedacht.
Ich freue mich darauf, deine Perspektiven kennenzulernen und gemeinsam zu überlegen, welche Möglichkeiten sich daraus für dich, dein Team oder deine Organisation entwickeln können.
