Umgang mit Spannungen

Es gibt Situationen, in denen mehrere Dinge gleichzeitig richtig sind. Du möchtest Zeit für dein Team haben und trotzdem deine eigenen Aufgaben schaffen. Du möchtest klare Entscheidungen treffen und gleichzeitig Beteiligung ermöglichen. Du möchtest wirtschaftlich handeln und trotzdem gute Qualität liefern. Oder du möchtest Veränderungen voranbringen und gleichzeitig Sicherheit geben.

Das Problem ist dann nicht unbedingt, dass wir keine Lösung finden. Manchmal besteht die Herausforderung darin, dass es keine Lösung gibt, bei der alles gleichzeitig erfüllt ist. Dann entsteht Spannung.

Die entscheidende Frage ist nicht immer: „Wie bekomme ich diese Spannung weg?“ Manchmal ist die bessere Frage: „Wie kann ich mit dieser Spannung so umgehen, dass daraus Handlungsfähigkeit entsteht?“

Hier sind ein paar kleine Übungen und ein 7-Tage-Experiment, mit denen du deinen Umgang mit Spannungen besser kennenlernen kannst.

Und mach gerne den Test: Wie ist dein Umgang mit Spannungen und widersprüchlichen Anforderungen?

Benenne beiden Seiten

Wahrnehmen

Bei Spannungen konzentrieren wir uns häufig auf eine Seite.

  • „Wir müssen endlich entscheiden.“ oder…
  • „Wir müssen erst alle mitnehmen.“

Wenn zwei Anforderungen gleichzeitig berechtigt sind, wird die Situation nicht einfacher, wenn wir eine davon ausblenden.

Die Spannung verschwindet dadurch nicht. Sie wird nur unsichtbarer.

Ausprobieren

Wenn du das nächste Mal zwischen zwei Anforderungen stehst, vervollständige zwei Sätze:

  • „Mir ist wichtig, dass …“ und…
  • „Gleichzeitig ist mir wichtig, dass …“

Versuche beide Sätze ernst zu nehmen.

Weiterdenken

Was verändert sich, wenn du nicht sofort eine Seite gegen die andere ausspielst?

Frage dich: „Wie könnte ich mit beiden Seiten gleichzeitig arbeiten?“

Halte die Spannung etwas länger aus

Wahrnehmen

Wir wollen Spannungen häufig schnell beenden.

  • Wir entscheiden.
  • Wir geben nach.
  • Wir setzen uns durch.

Oder wir verschieben das Thema.

Eine schnelle Entscheidung kann entlasten. Sie kann aber auch dazu führen, dass eine wichtige Seite zu früh verschwindet.

Ausprobieren

Wenn du das nächste Mal zwischen zwei Möglichkeiten schwankst, triff nicht sofort eine Entscheidung. Gib dir bewusst zehn Minuten und schreibe beide Seiten auf.

Dann frage dich…

  • „Was wäre der Gewinn, wenn ich mich für A entscheide?“
  • „Was wäre der Gewinn, wenn ich mich für B entscheide?“

Und…

  • „Was würde jeweils verloren gehen?“

Weiterdenken

Was verändert sich, wenn du Druck nicht als eine Entsteht zwischen den beiden Seiten eine dritte Möglichkeit?

Manchmal ist der nächste Schritt nicht die Entscheidung.

Manchmal ist es zunächst eine bessere Frage.

Suche nicht sofort den Kompromiss

Wahrnehmen

Wenn zwei Menschen unterschiedliche Vorstellungen haben, liegt ein Kompromiss nahe.

  • Jeder gibt ein bisschen nach.
  • Beide sind irgendwie unzufrieden.

Ein Kompromiss kann sinnvoll sein, aber er ist nicht automatisch eine gute Lösung. Manchmal braucht es nicht weniger von A und weniger von B.

Sondern eine andere Gestaltung.

Ausprobieren

Wenn zwei Positionen aufeinandertreffen, frage nicht:

  • „Worauf können wir uns in der Mitte einigen?“

Frage stattdessen:„Was müsste eine Lösung können, damit beide Seiten darin etwas Wichtiges wiederfinden?“

Weiterdenken

Verändert sich dadurch die Qualität des Gesprächs?

  • Suche nicht zuerst die Mitte.
  • Suche nach einer neuen Möglichkeit.

Wechsle bewusst die Seite

Wahrnehmen

Wenn wir eine Position vertreten, sammeln wir meist Argumente dafür. Das stärkt unsere eigene Sicht, es macht aber schwerer, die andere Seite wirklich zu verstehen.

Perspektivwechsel bedeutet nicht, die eigene Position aufzugeben.

Er bedeutet, die andere Logik für einen Moment ernst zu nehmen.

Ausprobieren

Nimm eine aktuelle Spannung.

Verteidige gedanklich für fünf Minuten bewusst die andere Seite.

  • Wenn du eigentlich für Geschwindigkeit bist, argumentiere für Sorgfalt.
  • Wenn du für Sicherheit bist, argumentiere für Veränderung.

Wenn du für Klarheit bist, argumentiere für Offenheit.

Weiterdenken

Was wird sichtbar, das du vorher nicht gesehen hast?

Nimm einen Gedanken aus der anderen Perspektive mit in deine eigene Entscheidung.

Verändere den Umgang, nicht unbedingt das Problem

Wahrnehmen

Manche Spannungen gehören dauerhaft zu einer Organisation oder zu einer Rolle.

  • Qualität und Geschwindigkeit.
  • Nähe und Distanz.
  • Stabilität und Veränderung.
  • Autonomie und Abstimmung.

Nicht jede Spannung muss aufgelöst werden. Manche Spannungen müssen gestaltet werden.

Die Frage lautet dann nicht:

  • „Wie bekommen wir dieses Problem endlich weg?“, sondern…
  • „Wie können wir damit dauerhaft gut umgehen?“

Ausprobieren

Wähle eine Spannung, die dich schon länger begleitet.

Formuliere eine kleine Regel bzw. ein Experiment für den Umgang damit. Zum Beispiel:

  • „Wir entscheiden schnell, überprüfen die Entscheidung aber nach zwei Wochen.“ oder…
  • „Wir geben Freiraum, vereinbaren aber einen klaren Zeitpunkt für Rückmeldung.“

Weiterdenken

Wird die Spannung dadurch handhabbarer?

  • Entwickle nicht unbedingt die perfekte Lösung.
  • Entwickle einen brauchbaren Umgang mit der Spannung.

Mache einen kleinen Schritt in beide Richtungen

Wahrnehmen

Bei widersprüchlichen Anforderungen entsteht schnell ein Entweder-oder.

  • Mehr Kontrolle oder mehr Vertrauen.
  • Mehr Struktur oder mehr Freiheit.
  • Mehr Tempo oder mehr Qualität.

Manchmal lässt sich eine Spannung nicht durch eine Entscheidung lösen.

Dann kann es sinnvoll sein, kleine Schritte in beide Richtungen zu machen.

Ausprobieren

Frage dich:

  • „Was wäre ein kleiner Schritt in Richtung A?“ und danach…
  • „Was wäre gleichzeitig ein kleiner Schritt in Richtung B?“

Zum Beispiel:

Mehr Klarheit und mehr Beteiligung.

  • Klare Entscheidungskriterien formulieren.
  • Gleichzeitig das Team fragen, welche Auswirkungen es sieht.

Weiterdenken

Was passiert, wenn du nicht zwischen den Polen pendelst, sondern beide bewusst gestaltest?

Suche nach einem nächsten Schritt, der die Spannung produktiv nutzbar macht.

Beobachte, wann du Spannung nicht mehr aushältst

Wahrnehmen

Jeder Mensch hat Punkte, an denen Spannung unangenehm wird.

Dann reagieren wir häufig automatisch.

  • Wir werden hart
  • Wir ziehen uns zurück
  • Wir entscheiden zu schnell
  • Wir versuchen zu überzeugen

Oder wir überlassen anderen die Entscheidung.

Diese Reaktionen sind nicht grundsätzlich falsch, sie zeigen aber etwas:

  • Hier wird Spannung für dich besonders relevant.

Ausprobieren

Beobachte in der nächsten Woche einen Moment, in dem du merkst:

  • „Ich möchte, dass das jetzt endlich geklärt wird.“

Halte kurz inne und frage dich:

  • „Welche Spannung möchte ich gerade eigentlich nicht mehr aushalten?“ und…
  • „Was würde passieren, wenn ich noch einen Moment bei ihr bleibe?“

Weiterdenken

Was passiert mit deiner Wahrnehmung?

Welche zusätzliche Möglichkeit wird sichtbar?

  • Lerne nicht, Spannung immer auszuhalten.
  • Lerne zu erkennen, wann es sinnvoll ist, sie noch etwas auszuhalten.

Dein 7-Tage-Spannungs-Experiment

Suche dir in den nächsten sieben Tagen eine wiederkehrende Spannung und schreibe jeden Tag kurz auf:

  • Die beiden Seiten – Worum geht es gleichzeitig?
  • Mein Reflex – Wie reagiere ich normalerweise?
  • Mein Experiment – Was mache ich diesmal ein kleines bisschen anders?
  • Meine Beobachtung – Was passiert dadurch?

Am Ende der Woche frage dich:

  • „Was verändert sich, wenn ich Spannung nicht sofort als Problem behandle, das gelöst werden muss?“

Vielleicht findest du eine neue Lösung. Vielleicht auch nicht. Aber möglicherweise hast du etwas anderes gewonnen:

  • Neue Möglichkeiten, mit der Spannung umzugehen.

Lass uns ins Gespräch kommen

Ob Organisationen, Teams, Führungskräfte, Kolleginnen und Kollegen. Alle bringen ihre eigene Geschichte mit. Vielleicht hast du beim Lesen an die eine oder andere Situation aus deinem eigenen Arbeitsalltag gedacht.

Ich freue mich darauf, deine Perspektiven kennenzulernen und gemeinsam zu überlegen, welche Möglichkeiten sich daraus für dich, dein Team oder deine Organisation entwickeln können.

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